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Lukas Sternath

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Interview mit Lukas Sternath

Lukas Sternath

«Stille kann sehr kraftvoll sein, fast schockierend.»

Lukas Sternath (*2001 in Wien) ist ein österreichischer Pianist und einer der vielversprechendsten jungen Künstler seiner Generation. Erste internationale Erfahrungen sammelte er als Mitglied der Wiener Sängerknaben. Er studierte Klavier in Wien und Hannover bei renommierten Lehrern. Internationale Bekanntheit erlangte er durch den Gewinn des ARD-Musikwettbewerbs 2022. Seither tritt er regelmäßig in bedeutenden Konzertsälen Europas auf und wurde unter anderem als „ECHO Rising Star“ und „BBC New Generation Artist“ ausgezeichnet.

Ihre Interpretationen wirken oft sehr strukturbewusst und gleichzeitig frei — wie balancieren Sie analytisches Denken und Intuition beim Erarbeiten eines Stücks?
Ich empfinde das nicht als Widerspruch. Natürlich bereitet man sich vor, analysiert und hinterfragt. Im Konzertmoment braucht es jedoch die Freiheit, der eigenen Intuition zu vertrauen und auch einmal eine andere emotionale oder interpretatorische Richtung einzuschlagen. Beides ergänzt sich und bildet ein Gefüge, das im Moment des Spielens immer wieder neu entsteht.

Gibt es ein Werk, das Sie beim ersten Zugang völlig irritiert hat und das Sie sich erst erschließen mussten?
Rachmaninows viertes Klavierkonzert. Beim ersten Hören war ich irritiert und wusste nicht, was ich damit anfangen soll. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Doch mit der Zeit wurde mir das Werk immer näher, fast körperlich spürbar. Es entwickelte sich zu einem Schlüsselstück für mich – ich habe es im Finale des ARD-Wettbewerbs und bei meinem Debüt im Wiener Musikverein gespielt. Gerade weil der Zugang nicht sofort da war, wurde die Beziehung umso intensiver.

Welche Rolle spielt Stille für Sie in der Musik — insbesondere in Übergängen oder nach Höhepunkten?
Stille ist essenziell. Besonders intensiv ist der Moment vor dem ersten Ton, wenn der Saal zur Ruhe kommt, aber auch das Verklingen eines Stücks. Stille kann sehr kraftvoll sein, fast schockierend. In Schuberts Spätwerk etwa entstehen oft Brüche, in denen die Musik in die Stille übergeht oder abrupt endet. Diese Momente prägen die Wahrnehmung des Davor und Danach. Stille ist nie gleich – sie verändert sich je nach Kontext.

Wie entscheiden Sie, wann Sie sich strikt an den Notentext halten und wann Sie bewusst davon abweichen?
Grundsätzlich orientiere ich mich eng am Notentext und nehme die Angaben der Komponisten sehr ernst. Gleichzeitig zeigt die Praxis – etwa bei Rachmaninows eigenen Aufnahmen oder im Austausch mit zeitgenössischen Komponisten –, dass Interpretation ein lebendiger Prozess ist. Auch Komponisten ändern im Moment ihre Vorstellungen. Abweichungen sind möglich, sollten aber immer begründet sein und auf einem fundierten Verständnis basieren.

Welche Komponisten empfinden Sie eher als „intellektuell“ — und welche eher als „emotional“?
Diese Unterscheidung halte ich für künstlich. Musik kann beides zugleich sein. Bach ist ein gutes Beispiel: hochstrukturiert und zugleich zutiefst emotional. Gerade das Durchdachte kann starke emotionale Wirkung entfalten. Entscheidend ist die Vielfalt der Ausdrucksebenen.

Wie stellen Sie Ihre Programme zusammen — eher dramaturgisch konzipiert oder aus persönlicher Neugier heraus?
Beides spielt eine Rolle. Ausgangspunkt ist immer ein starkes inneres Bedürfnis, ein Werk zu spielen. Daraus entsteht ein Programm, das durchdacht ist und einen roten Faden hat. Wichtig ist, wie die Stücke miteinander kommunizieren und einen Spannungsbogen bilden. So wird jeder Abend zu einer stimmigen Reise.

Gibt es ein Werk, das Sie derzeit besonders beschäftigt, das Sie jedoch noch nicht öffentlich aufführen würden?
Wenn mich ein Werk interessiert, möchte ich es möglichst bald aufführen. Natürlich braucht manches Zeit und Planung, besonders große Werke. Aber gerade durch das Spielen wachsen sie. Man legt sie später wieder beiseite und kehrt mit neuen Erfahrungen zurück. Dieser Prozess des gemeinsamen Wachsens ist mir wichtig.

Gab es ein Konzert, bei dem etwas völlig Unerwartetes geschah und Ihre Interpretation beeinflusst hat?
Konkrete extreme Beispiele fallen mir nicht ein, aber eigentlich passiert in jedem Konzert etwas Unerwartetes: die Atmosphäre, die eigene Stimmung oder die Resonanz des Publikums. All das lässt sich nicht planen und macht jede Aufführung einzigartig und lebendig.

Welche Musik hören Sie privat, die man vielleicht nicht erwarten würde?
Ich höre sehr unterschiedlich und kenne keine Genregrenzen. Entscheidend ist für mich die Qualität und die spürbare Leidenschaft. Wenn Musik mit Hingabe gemacht ist, wirkt sie berührend und inspirierend – unabhängig vom Stil.

Welche Leidenschaften verfolgen Sie neben der Musik?
Philosophie ist für mich eine wichtige Ergänzung – eine Form, die Liebe zum Leben zu reflektieren. Ebenso bedeutsam sind mir meine Mitmenschen und die Zeit mit ihnen. Außerdem spielt Humor eine große Rolle, etwa durch Late-Night-Shows. Musik, Lachen und zwischenmenschliche Beziehungen sind zentrale Quellen meiner Energie.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.05.2026
Bild Copyright: Daniel Delang

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