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Tianwa Yang

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Interview mit Tianwa Yang

Tianwa Yang

«Ohne analytischen Erfahrungen wäre meine Intuition nicht vorhanden.»

Geboren und aufgewachsen in Peking, spielte Tianwa Yang mit 13 Jahren als bisher weltweit jüngste Interpretin die 24 Capricen von Niccolò Paganini auf CD ein und galt in ihrer Heimat als "Stolz Chinas". Als 16-Jährige kam sie mit einem DAAD-Sonderstipendium nach Deutschland und legte damit den Grundstein für ihre Karriere in Europa. Ihre künstlerische Entwicklung wurde begleitet und wesentlich geprägt von Lin Yaoji, Jörg-Wolfgang Jahn und Anner Bylsma. 2014 wurde sie mit einem ECHO Klassik als "Nachwuchskünstlerin des Jahres" sowie mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. 2015 erhielt sie einen neuerlichen ECHO Klassik, diesmal als "Instrumentalistin des Jahres".
Sie ist eine gefragte Solistin und unterrichtet als Professorin an der Hochschule für Musik in Würzburg.

Fühlen Sie sich heute eher als „globale“ Musikerin oder spielen kulturelle Wurzeln für Sie weiterhin eine zentrale Rolle?
Ich fühle mich eher als eine europäische Musikerin, denn meine musikalische Wurzeln kommen von Bach, Beethoven oder Brahms, mit ihrer Musik bin ich ja aufgewachsen.

Wie nähern Sie sich einem Werk, das Sie neu ins Repertoire aufnehmen – eher analytisch oder intuitiv?
Ich würde sagen, es gibt keine klare Trennung zwischen „analytisch“ und „intuitiv“. Für mich kann Intuition auch nur durch Erfahrungen kommen, so wie ich keine Intuition zu einer Fremdsprache haben kann, die ich gar nicht spreche.
Meine Intuition zur Musik oder zu einem neuen Stück basiert daher auf unzähligen Erfahrungen mit anderen Musikstücken, die ich analytisch kennengelernt, gedacht und erarbeitet habe. Ohne diese analytischen Erfahrungen wäre meine Intuition nicht vorhanden, bzw. sehr anders.

Der klassische Musikbetrieb ist oft leistungsorientiert und fordernd. Wie gehen Sie mit Druck und hohen Erwartungen um?
Für mich - wahrscheinlich für viele anderen Musikerkolleg:innen der Branche auch - kommt der größte Druck oder die höchste Erwartung von sich selbst. Der Druck ziegt sich oft im Alltag, gerade heutzutage ist man als Solist:in auch - neben dem Musizieren - mit vielen anderen Dingen beschäftigt und konfrontiert. Einfach mit tollen Musiker:inenn und lieben Freunden Kammermusik zu spielen, ist für mich der schönste Ausgleich. Das Schöne der Musik genießen, wofür wir uns alle verrückt machen!

Was hilft Ihnen, künstlerisch neugierig und offen zu bleiben?
Die Liebe zur Musik, selbstkritisch bleiben, und sich immer weiter zu bilden, nicht nur in der Musik sondern auch in vielen anderen Bereichen, ob künstlerisch oder wissenschaftlich.

Wie hat Ihre Ausbildung in China und später in Europa Ihr musikalisches Denken geprägt?
In meiner Jugend waren es Disziplin und Fleiß, die am wichtigsten waren in der Ausbildung. Später lernte ich durch die Musikerpersönlichkeiten, die mich stark geprägt haben, dass das ständige Hinterfragen und neugierig bleiben eines der wichtigsten Elemente der musikalischen Arbeit ist.

Welche Rolle spielt Stille in Ihrer musikalischen Arbeit – im Üben, im Konzert, im Alltag?
Stille ist sehr wichtig in der Musik! Jedes Pausenzeichen, sofern es nicht am Ende des Stücks ist, ist fast spannender als eine klingende Note. Natürlich ist Stille im Üben und im Konzert auch sehr wichtig, damit wir auch wirklich die Spannung in dieser Stille spüren können. Ich übe z.B. liebend gerne nachts, natürlich wenn es keinem anderen Menschen den Schlaf raubt.

Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Lesen, wandern in den Bergen, Café trinken!


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.04.2026
Bild Copyright: Andrej Crilc

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