Interview mit Gabriela Scherer

«Irgendwann wird (hoffentlich) eine Zeit kommen, wo es nicht vorwiegend um Trends oder Äußerlichkeiten geht, sondern um Persönlichkeit, wo die Menschen in die Oper gehen, weil sie berührt werden wollen in ihrer Seele.»
Die Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer tritt regelmäßig auf renommierten Bühnen wie den Bayreuther Festspielen, der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin, der Semperoper Dresden, der Staatsoper Hamburg, dem Festspielhaus Baden-Baden und der Opéra national de Paris auf und hat mit ihren leidenschaftlichen Interpretationen von Rollen aus Werken von Gluck, Mozart, Puccini, Strauss, Verdi, Wagner und Weber internationales Aufsehen erregt.
Erinnern Sie sich an Ihre erste gehörte Oper?
Die allererste Oper, die ich gehört habe, war die Zauberflöte. Ich war vier Jahre alt, als ich in Zürich immer vor unserem alten Plattenspieler saß und mir immer und immer wieder die Zauberflöte angehört habe, und dabei habe ich wohl auch meiner Familie zum ersten Mal gesagt, dass ich Opernsängerin werden möchte. Umso emotionaler und beglückender war dann der Moment, als ich letztes Jahr meine erste Pamina gesungen habe.
Sie haben vor etwa 20 Jahren als Mezzosopranistin begonnen, dann Ihren jetzigen Mann kennengelernt und ein paar Jahre pausiert. 2015 haben Sie dann zum Fach Sopranistin gewechselt und sind neu eingestiegen. Wie kam es dazu? Und wie erleben Sie es rückblickend?
Als ich studiert habe, wurde mir von einer meiner Lehrerinnen gesagt, dass ich kein Mezzo bin, sondern ein richtiger Contralto, was mich stimmlich völlig überfordert hat. Ich sollte Dalila und Azucena studieren und das fühlte sich völlig fremd an, zudem hatte ich gerade einen Wettbewerb gewonnen und als Preis meine erste Rolle, den Hänsel, bekommen, der ja auch eher hoch liegt, für einen lyrischen jungen Mezzo perfekt. Ich bin dann zu einer bekannten Gesangslehrerin nach Wien gefahren und habe sie um ihre Meinung gefragt, und nach dem wir einiges probiert hatten, Übungen und Kadenzen, sagte sie zu mir: Sie sind kein Contralto, sie sind aber auch kein Mezzo, sie sind Sopran. Ich bin zurück nach Salzburg gefahren und habe Renata Tebaldi gehört, ihre Desdemona, und ich erinnere mich, dass ich geweint habe vor Erleichterung, weil ich einfach gespürt habe-das bin ich. Das fühlt sich hundert Prozent authentisch an. Trotzdem füllte sich mein Kalender schnell als Mezzo und ich konnte meine Verträge nicht einfach abbrechen und einen Fachwechsel angehen, aber das hohe Mezzofach war wunderbar für dieses Alter, ich habe Komponist und Dorabella, Annio, und Hänsel gesungen, alles Rollen, die man auch als sogenannter zweiter Sopran singen kann. Als dann die Kinder zur Welt kamen, habe ich erst einmal komplett aufgehört zu singen, ich wollte nur noch ganz Mutter sein. Erst nach viereinhalb Jahren dachte ich wieder daran, zurückzukommen. Und da war dann klar-dieses Mal als Sopran, im richtigen Fach.
Reden Sie manchmal mit bei der Regie und Inszenierungen?
Ich finde es wahnsinnig wichtig, in einem guten Dialog zu sein mit einem Regisseur oder einer Regisseurin, genauso auch wie mit dem Dirigenten oder einer Dirigentin. Ich will genau verstehen, was ein Regisseur will und was die Ideen und Gedanken sind, so dass ich sie selbst gut verinnerlichen und auch be-und ergreifen kann. Ich frage auch, wenn sich mir eine Idee einfach nicht erschließt. Ich habe aber bisher nur zwei Mal die Situation erlebt, dass ich einfach nicht hinter einer Produktion stehen kann, das ist lange her, und ich habe damals auch die jeweiligen Produktionen verlassen. Einmal ging es um pädophile Handlungen die ich als junge Sängerin machen sollte, ich war zu dem Zeitpunkt gerade schwanger mit meinem ersten Kind und das war für mich ein NoGo.
Aber ich bin sonst mit jeder Produktion nicht nur sehr gut klar gekommen, sondern habe auch immer für mich eine Inspiration gefunden in der Arbeit mit Regisseuren.
Haben Sie auch schon Belästigungen als Frau im Opernalltag erleben müssen?
Gottseidank habe ich bisher kaum Belästigungen erlebt bei der Arbeit. Als Studentin ja, da bekam ich ein schreckliches Angebot und hätte dafür ein Konzert in einem sehr hoch dotierten Rahmen bekommen, ich war so schockiert, dass ich sprachlos den Raum verlassen habe und danach erbrechen musste. Das zweite Mal wollte ein sehr bekannter Dirigent, von dem jeder wusste, wie seine privaten Vorsingen ablaufen, ein ebensolches Vorsingen mit mir abhalten, aber ich habe da einfach den damaligen Castingchef des Hauses mitgenommen zum Schutz, und kam ohne Probleme aus der Situation. Da war ich auch erst gerade im Opernstudio. Danach ist mir so etwas nie wieder passiert.
Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass viele großen Respekt vor meinem Mann haben.
Was würden Sie jungen Opernsängern und -Sängerinnen raten für die optimale Planung der Karriere?
Ich bin nicht sicher, was ich einem jungen Sänger raten würde, unser Geschäft hat sich so sehr verändert, meiner Meinung nach nicht nur zum Guten. Ich würde aber sagen, egal was gerade angesagt ist, welcher Trend gerade ausschlaggebend ist, ob man erfolgreich aus Instagram ist mit 300‘000 Followern oder ob es um Schönheitsideale geht, oder auch andere Trends, die kommen und gehen, eigentlich sollte es vorwiegend darum gehen, gut zu singen-und mit offenem Herzen dem Publikum etwas zu erzählen. Ich würde meinen Schülern immer raten, auch mal zu anderen Lehrern zu gehen, und sich auch später im Beruf immer wieder Hilfe bei Coaches zu holen. Und ich würde Mut machen, authentisch zu bleiben. Irgendwann wird (hoffentlich) eine Zeit kommen, wo es nicht vorwiegend um Trends oder Äußerlichkeiten geht, sondern um Persönlichkeit, wo die Menschen in die Oper gehen, weil sie berührt werden wollen in ihrer Seele. Und das geht nur wenn man ehrlich und sich selbst treu bleibt. Und der zweite Punkt wäre: An oberster Stelle sollte immer noch eine gesunde und gute Technik sein, sodass man nicht bei den ersten drei Partien merkt, man überlebt die Rolle nur, wenn man sich die Seele aus dem Leib schreit. Klug und ohne Druck die richtigen Rollen wählen, sich Zeit lassen. Wieso muss man heute mit 28 schon die erste Salome oder gar Brünnhilde singen? Oder einen Sachs? Verstehe ich nicht, und halte ich für falsch. Trend hin oder her.
Welches sind aktuell Ihre Lieblingsrollen?
Meine Lieblingsrolle ist eigentlich immer die, die ich gerade singe. Mit wenigen Ausnahmen. Aber besonders nah sind mir schon Rollen wie die Elsa, oder Elisabetta, Ariadne-absolut eine meiner allerliebsten Rollen. Gerne würde ich auch wieder einmal die Tosca singen….
Welche Rollen haben Sie noch nicht gesungen, die Sie unbedingt mal singen möchten und warum?
Ich möchte unbedingt die Desdemona singen, mein größter Herzenswunsch. Und weiterhin andere Verdi-Partien, sowie Strauss, ich würde sehr gerne die Marschallin und Salome singen. Aber auch gerne einmal die Rosalinde… Vitellia, Elettra, Manon Lescaut, da gibt es noch so viele wunderbare Partien….
Auf welchen Bühnen fühlen Sie sich am besten?
Ich singe an so vielen Häusern so gerne, Staatsoper Berlin natürlich, das ist ein bisschen mein Zuhause. Aber auch in Dresden habe ich immer sehr gerne gesungen. Ich freue mich wieder riesig auf Bayreuth, das ist so besonders-an diesem Ort, auf dieser Bühne zu stehen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es mir im Frühling in Zürich auch so gehen wird. Das Opernhaus Zürich ist seit meiner Kindheit in meinem Herzen. Es wird für mich sehr emotional, dort zu singen.
Gibt es ein Bühnenerlebnis, das Sie nie vergessen werden?
Es gibt sehr bewegende Momente, die ich auf der Bühne hatte. Als Ariadne mehrfach, einmal mein Debüt als Sopran, dann mein Debüt mit der Rolle an der Staatsoper Berlin, und als Ariadne habe ich mir auf der Bühne auch mal meine Finger sechsfach gebrochen-das war ein weniger schönes Erlebnis. Was ich nie vergessen werde, meine tiefe Dankbarkeit, als ich auf der Bühne in Berlin stand und Pamina singen durfte, da sind ein paar Tränen geflossen. Oder meine erste Elsa- mit Klaus Florian Vogt als absolut überirdisch guter Lohengrin.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich bin mittlerweile süchtig danach, in die Natur zu gehen. Ich gehe jeden Tag mit unserem Hund in den Wald, das tut so gut, und es erdet mich sehr, in unserem manchmal stressigen Alltag, zwischen Reisen und Proben und Lernen. Es gibt noch tausend Dinge, die ich gern tun würde, ich möchte schreiben, mehr Zeit haben zu lesen, aber in erster Linie bin ich neben dem Beruf jede freie Minute für meine Kinder da. Sie sind trotz, unserem wirklich außergewöhnlichen und besonderen Beruf, mein größtes Glück.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.01.2026
Bild: Mandred Baumann
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