Sebastian Bohren im Interview

«Wir Musiker sollen mehr Verantwortung für unser zukünftiges Publikum übernehmen.»
Sebastian Bohren ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und Förderpreise und Stipendiat der Stiftung LYRA. 2007 gewann Sebastian Bohren den Förderpreis der Marguerite Meister Stiftung in Zürich. Im Juli 2011 gewann er den Curt Dienemann Musikpreis in Luzern, sowie ein Stipendium der Carl Hirschmann Stiftung. 2015 erhielt er ein Werkjahr des Aargauer Kuratoriums. 2022 erhielt er die Auszeichnung "Der Goldene Bogen", verliehen durch die Stiftung Schweizer Geigenbauschule. Sebastian Bohren trat als Solist mit zahlreichen Orchestern im In- und Ausland auf. Er war von 2013 bis 2020 Mitglied im Stradivari Quartett. Er leitet die Konzertreihe Stretta Concerts sowie das Brugg Festival.
Wann haben Sie sich entschieden die Geige zum Beruf zu wählen und warum?
Ich habe mit dem Geigespielen im Alter von acht Jahren angefangen, in Möhlin an der örtlichen Musikschule. Ich mochte es zwar, hatte aber keine besonders hohe Motivation und ich erinnere mich gut dass meine Mutter sich alles Mögliche hat einfallen lassen um mich zum üben zu motivieren. Als meine Familie 1998 nach Mellingen umgezogen ist kam ich dann zum Unterricht zu Markus Lehmann an der Musikschule. Das änderte für mich alles, er wurde mein grosses Vorbild und ich wollte unbedingt Geiger werden. Ich hatte eine einigermassen romantische Vorstellung davon, was ein Geiger so macht - CD’s aufnehmen, Konzerte mit Orchester spielen und eine schöne alte Geige haben. Dieser Traum begleitet mich bis heute und treibt mich an. Ich bin unglaublich froh und dankbar dass meine Liebe zur Geige durch die ganzen schwierigen Jahre harter Arbeit immer gleich stark geblieben ist und so verdanke ich meinem Lehrer Markus Lehmann, aber auch allen anderen Lehrern, die sich enorm für mich eingesetzt haben, sehr viel!!!!
Sie sind noch jung, was sind Ihre Ziele?
Ich habe ganz viele Ziele und Träume. Zum Einen möchte ich mich als Geiger immer weiter verbessern und mein persönliches Maximum erreichen, ca. in zehn Jahren. Dafür übe ich sehr hart und spiele auch ausgewählten Mentoren immer wieder vor. Ich möchte meine Karriere als Solist mit Orchestern weiter entwickeln, auch ausserhalb der Schweiz - da habe ich sehr hohe Ziele. Viele wunderbare Stücke möchte ich noch lernen und mit Orchestern spielen, in letzter Zeit besonders habe ich meine besondere Leidenschaft für zeitgenössische Violinkonzerte entdeckt - die machen mir immer enorm Spass zu lernen.
Als Künstlerischer Leiter des Brugg Festival und der Konzertreihe Stretta Concerts möchte ich Brugg im Kanton Aargau zu einer schweizweit und auch international bekannten Musikstadt machen. Grosse Musiker und bekannte Orchester sollen regelmässig in der „Prophetenstadt" gastieren. Mit dem Brugg Festival Team initiieren wir zudem ein Vermittlungsprojekt das über 400 Brugger Schüler mit der klassischen Musik in Berührung bringt - das liegt mir enorm am Herzen. Wir Musiker sollen mehr Verantwortung für unser zukünftiges Publikum übernehmen, in unermüdlicher, begeisternder Arbeit als Botschafter für die von uns geliebte Musik.
Sie hatten oder haben auch einen Mentaltrainer. Wie genau kann er Ihnen helfen?
Mein Mentaltrainer hat mit vielen hervorragenden Schweizer Fusballern gerbeitet, so habe ich ihn auch kennengelernt, über einen befreundeten Fussballer, der damals Torschützenkönig der Schweizer Liga wurde. Das intensive Mentaltraining während fünf Jahren hat mir geholfen mich auf meine Stärken zu konzentrieren, selbstbestimmt zu handeln und weniger Zeit mit unwichtigen Dingen zu verlieren. Ich glaube man sollte die Voraussetzung mitbringen, sich stetig verbessern zu wollen und bereit zu sein, sich mit Haut und Haar dafür einzusetzen. Es hat mir auch geholfen, die Auftritte besser vorzubereiten und Nervosität abzubauen. Da hilft aus meiner Sicht die Mischung aus Erfahrung und Vorbereitung.
Unterrichten Sie auch?
Ich habe in den letzten Jahren eine Stellvertretung und eine Assistenz an zwei Schweizer Musikhochschulen gemacht und nebenbei einige Schüler privat mit viel Herzblut unterrichtet. Ich kann aber nicht in allen Bereichen mit der gleichen Intensität Fortschritte erzielen und konzentriere mich deshalb auf meine Tätigkeit als Solist und Veranstalter. Für die Beratung junger Geiger bin ich aber immer offen und werde da auch oft um Rat gefragt.
Sie betreiben eine eigene Konzertreihe und nun auch ein Festival. Wie ist es dazu gekommen und was möchten Sie damit bewirken?
Als ich 14 Jahre alt war, hat mir mein Vater vorgeschlagen, mir selbst mehr Auftrittsmöglichkeiten zu suchen um Erfahrung zu sammeln und so habe ich angefangen in Gottesdiensten in der Region Brugg als Gastmusiker aufzutreten. Ich lernte dann die imposante Stadtkirche kennen und träumte davon, dort einmal ein Konzert zu spielen. Mit 19 Jahren habe ich das dann kurzherhand organisiert und habe seither nicht mehr aufgehört. Daraus wurden die Stretta Concerts, die wir bis heute mit freiem Eintritt und Kollekte veranstalten und die mittlerweile auf ein grosses Stammpublikum zählen können. Das neue Brugg Festival ist die folgerichtige Entwicklung und richtet sich an ein jüngeres Publikum: wir wollen noch näher am Puls der Brugger Bevölkerung dran sein, die Stadt soll während der Festivalwoche die Musik richtig „atmen“. Wir möchten etwas aufbauen das die Region und den ganzen Kanton Aargau nachhaltig bereichert.
Wenn Sie zurückschauen, wo sehen Sie die Meilensteine Ihrer Karriere bis jetzt. Was waren für Sie persönlich die wichtigsten Ereignisse oder Personen?
Zum Einen waren meine Lehrer für mich wichtig, Markus Lehmann in Mellingen und Baden, dann Jens Lohmann am Konsi Zürich, Robert Zimansky und Zakhar Bron an der Zürcher Hochschule, Igor Karsko in Luzern und Ingolf Turban in München. Dann hatte ich auch enormes Glück im richtigen Moment als Mitglied im Stradivari-Quartett wichtige Erfahrungen auf der Bühne sammeln zu dürfen - und auch auf einer Stradivari spielen zu dürfen. Der künstlerische Leiter des Ensembles CHAARTS, Andreas Fleck, hat mich dann ganz entscheidend gefördert und mir viele Gelegenheiten als Solist ermöglicht. Richtige Meilensteine mag ich kaum zu erkennen, eher eine langfristige Entwicklung, auch mit Höhen und Tiefen.
Haben Sie bestimmte Werke oder Komponisten, die Ihnen besonders liegen oder Sie in einer besonderen Art faszinieren?
Ja, ich spiele besonders gerne deutsche Musik des Barock, der Klassik und der frühen Romantik. Von Bach über Mozart und Schubert zu Beethoven und Schumann. Die Chaconne von Bach und das Violinkonzert von Beethoven sind mir persönlich am nächsten, diese Werke kann ich immer wieder neu erarbeiten und daran feilen. Auch machen mir die Violinkonzerte des 20. und 21. Jahrhunderts besonderen Spass, dieses Jahr lernte ich z.b. das neue Violinkonzert von Peteris Vasks und das Konzert für Violine und Bläser von Kurt Weill.
Wo sehen Sie die grösste Herausforderung in Ihrem Künstlerleben?
Es gibt permanent viele Herausforderungen. Am wichtigsten ist aber die Balance zwischen meinem Engagemenent als Geiger und den Tätigkeiten als Veranstalter und Musikmanager. Diese Balance möchte ich optimal gestalten und in beiden Disziplinen höchstes Niveau erreichen.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich wandere sehr gern, komme aber nicht oft genug dazu. Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie. Ich beschäftige mich auch gern mit Geschichte, politischen und gesellschaftlichen Themen. Auf Langstreckenflügen schaue ich gerne Filme.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.07.2023
Foto: Marco Borggreve
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11.10.2026 - Boswiler Meisterkonzert VI - Bohren & Cvirn
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